30 Jahre Wiedereinigung – 31 Jahre Mauerfall

Daniela Shams, Kolumne, Berlin 1989, Magazin
Unterwegs in Berlin Mitte im Jahr 1989 | © Daniela Shams

Last Updated on 28. September 2020 by Daniela

Teil 1: Langer Abschied – Leben ohne Heimat 

Ich habe nie für möglich gehalten, dass ich einen tiefen, schmerzvollen Prozess der Abnabelung von meiner Heimat erleben würde. Und dennoch erlebe ich diesen Schnitt derzeitig. Monat für Monat. Tag für Tag. 

Die Gegenwart ist von der Frage gekennzeichnet: Wofür habe ich vor 30 Jahren gekämpft?

Es ist etwas anderes, sich für das Gehen zu entscheiden …

… oder sich nicht mehr willkommen zu fühlen. Seit Monaten erlebe ich einen schmerzhaften Prozess. Ich verliere meine Heimat, jeden Monat ein Stück mehr. Rückblickend erkenne ich, dass ich viele Jahre ein unfreiwilliger Gegner war, immer in Opposition. Obwohl es nicht meine Intention war. In der DDR war es mir zumindest nicht möglich, soll ich sagen – systemtreu zu sein. Ich gehörte zu denjenigen, die ihr Land verändern, besser gestalten wollten, ohne Vereinigung. Deshalb fühlte sich die Einheit für mich auch eher an wie eine Dampfwalze, unter der ich lag. 

Freiheit ist ein grosses Wort. Wo ist sie hin? Für eine neue Art der Meinungsdiktatur, versteckt hinter einem Netzwerkdurchsetzungsgesetz, ist 1989 niemand auf die Strasse gegangen.

Nach der Wiedervereinigung die ersten Reisen individuell. Dann ging ich, für ein Wochenende nach London und zwei Monate nach Amerika. Dort gab es diesen Moment. Auf der Strasse in Minneapolis. Plötzlich blieb ich stehen, schaute um mich herum und lächelte. Einfach so. Ich hatte das Lächeln in mir gefunden. 

Im gleichen Augenblick riss ein Band zwischen mir und Deutschland. Ohne dass ich es wollte oder darüber nachgedacht hätte. Aber es war weg und ich fühlte, es war unwiderruflich. Das war im Jahr 1992. Ich war eine junge Frau, die das Leben suchte.

Dieser Riss ist seither nie wieder verheilt. Die losen Enden brechen in der Gegenwart unheilbar weg und treiben wie Eisschollen auf dem Meer.

Mitte der 90er Jahre dann der erste Urlaub in Ägypten. Sofort wusste ich, dass ich hier Ruhe finden würde, ich musste meine innere Balance wieder zurückerlangen.

Ich wollte schreiben. Ich blieb. Und stellte mir die Frage:

Was fange ich mit der neuen Freiheit und meinem Leben in Deutschland an? Sechs Jahre habe ich darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: Ich möchte studieren, etwas in Richtung Gesundheit. Mein bisher selbst erlerntes Wissen der Naturheilkunde mit Anatomie und faktischen Grundlagen untermauern. Die Entscheidung, zurückzugehen, war eine der schwersten in meinem Leben und kostete ein weiteres Jahr. 

Hier beginnt ein weiterer, interessanter Teil dieser Geschichte. In Berlin angekommen, wurde ich mit meinen Mädchen häufig schräg angeschaut. Es dauerte einige Zeit, bis ich die komischen Seitenblicke bemerkte. Bis mir wiederum klar wurde: Wir sprachen meist Arabisch und Englisch. Der Moment ist noch deutlich in Erinnerung, als eine Nachbarin vor dem Haus an mir und meiner Tochter vorbeilief, uns mit dieser sinnbildlich rümpfenden Nase beäugte.

Fremd im eigenen Land

Ob wir nun gerade Arabisch oder Englisch sprachen, ich weiss ich nicht mehr, aber es war definitiv kein Deutsch, denn die Kleine sprach Deutsch erst als dritte Sprache. Ihre „Muttersprache“ war Englisch, dann Arabisch und dann erst Deutsch. Ich sah die Augen der Frau und dachte: So fühlt es sich also an, wenn Du Ausländer bist. – Zu meinem Verwundern tat es mir nicht weh. Heute weiss ich, dass ich innerlich weit davon entfernt war, angekommen zu sein. Mein Körper war anwesend, Herz und Seele waren es nicht. Das sollte sich neun Jahre nicht ändern. Heute schmerzt es mich, weil ich eben keine Ausländerin war. Verrückte Welt, nicht wahr? 


Waren Sie im November 1989 dabei?

Lesen Sie, wie ich als junge Frau und Mutter den 9. November 1989 erlebt habe. Begleiten Sie mich auf eine abenteuerliche Reise, die noch lange nicht vorbei ist.

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