Kernpunkt: Flüchtling oder Wirtschafts-Migrant?

Eine schwierige Frage: Wer sind die Menschen hinter der Flucht? Photo by Nicola Fioravanti on Unsplash

Die Diskussion um Migranten oder Flüchtlinge wächst fast täglich. Denn während es bei dem einen um politisches Asyl geht, kommt der andere aus wirtschaftlichen Gründen. Von der Seenotrettung bist zu Politikern werden jedoch alle in einen Topf gesteckt, der da heißt: Menschen aus Kriegsgebieten eine sichere Heimat bieten. 

Wieviel Menschen suchen Schutz und wieviel kommen aus wirtschaftlichen Gründen? 

Schon lange vor der Flüchtlingswelle 2015 beobachtete ich in Ägypten Menschen und habe mit ihnen gesprochen. Ich kenne das Land aus zwei verschiedenen Phasen: Vor der Revolution, als Mubarak noch Präsident war, während sowie nach der Revolution. Ende der 90er Jahre wurde mir von verschiedenen Personen im Gespräch erklärt: „Wir Muslims kommen eines Tages nach Europa.“ Einfache Ägypter, die ihrer Arbeit nachgingen und im religiösen Glauben tief verankert waren. Erst im Zuge der Flüchtlingswelle von 2015 erinnerte ich mich an diesen, seiner Geschichte vorauseilenden Satz. Plötzlich hatte dieser eine viel tiefere Bedeutung als ich damals ahnte. 

Die enge Verbindung von Religion und Staat ist explosiv

Der arabische Frühling veränderte nicht nur Ägypten. In puncto Respekt fühlte sich der Alltag eher wie ein Spießrutenlauf an. Plötzlich gab es viel mehr zufälliger Körperkontakte, mehr Überfälle und sogar Mord. Die strenge Hand Mubaraks hatte ihre Wirkung verloren. Mit ihr flachte scheinbar auch die tiefe Verbindung zum Islam ab, zumindest gab es immer eine Erklärung für das jeweilige Handeln, um die Religion in Ehren zu halten. 

Geld spielte nach der Revolution in Ägypten eine noch viel größere Rolle. Deshalb war es normal, dass Ausländer auf dem Gemüsemarkt, im Taxi oder beim Arzt immer höhere Preise bezahlten als Einheimische. Aus meiner Sicht eine Schlüsselsituation, die nicht nur für Ägypter gilt. Warum ich das so sehe, zeigen mehrere Gespräche, die ich mit einem Taxifahrer führte. 

Wenn unterschiedliche Mentalitäten aufeinander treffen

Ein junger Mann, Anfang 30, verheiratet zwei Kinder. Anfänglich pünktlich hatte er meist Zeit, mich durch die Stadt zu fahren. Sein offiziell genehmigtes Taxi musste monatlich abbezahlt werden. Im Laufe einiger Monaten entdeckte er, dass es lukrativer sei, die neu ankommenden russischen Touristen durch die Stadt zu fahren. So war die fröhliche Antwort auf meine Anfrage nach einer Fahrt: „Oh sorry Miss Dani. Ich habe jetzt keine Zeit, weil ich gerade am Strand mit zwei russischen Touristinnen bin.“ Bei einer späteren Fahrt zeigte er mir stolz sein neues Handy, dass ihm als Geschenk mitgebracht wurde. In einem anderen Gespräch fragte ich ihn, warum ich dreimal mehr als Ägypter bezahle. Ganz lapidar: Weil Du Europäer bist, du bist reich. 

Auf meine Frage, warum er nach Europa möchte, sagte er: Weil ich dort Geld bekomme und frei bin. Ich kann machen was ich will. Diesen Satz hörte ich mehr als einmal. Diese Antwort war nicht nur am Jahr 2013 aktuell, sondern auch 15 Jahre vorher. Immer ging es darum, nach Europa zu gehen, Geld zu verdienen und frei zu sein. Mit dieser ersehnten Freiheit waren meist zwei Dinge verknüpft: Freier Sex ohne verheiratet zu sein und Alkohol trinken zu können. 

In den neunziger Jahren war es vielen wichtig, Arbeit zu finden und das Geld nach Hause zu schicken. Im 21. Jahrhundert angekommen, wussten die Ägypter bereits, dass sie das Geld nur vom Arbeitsamt abholen müssten. Es gab ein weiteres Detail, das in den neunziger Jahren kaum Beachtung von mir fand. Die relativ einfache Beschaffung eines Passes. 

Dieser Artikel beschreibt eine Flucht aus Libyen. 

Das christliche Abendland und der Orient sind zwei Welten

Auch wenn mich die heutige Situation nicht wundert, macht sie mich doch fassungslos. Weil europäische Politiker die heutigen Probleme hätten erahnen können. Ein großer Teil der arabischen Familien lebt aus, was ich vor mehr als 20 Jahren gehört habe. Zuwanderung, Migration und Flüchtlingspolitik müssen einen Lebensraum erhalten, in dem alle unter einem Dach leben können. Damit dies gelänge, würde ein fortschrittliches Europa auch ein modernes Verständnis zu Religion und Tradition als Grundlage benötigen. Doch weder die mächtigen Sheikhs der arabischen Welt noch traditionelle Familien werden solch tiefe Veränderungen erlauben.

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