13. August 2022 Ihr Lifestyle Magazin | Unabhängig, ehrlich, immer online
ungesunder Egoismus, du gegen dich, mein ego ist zu gross

Du gegen Dich – Wie Dein Ego Dich austrickst

… und heimlich Dein Leben kontrolliert.

Arroganz, Narzissmus und Sturheit. Persönlichkeitsmerkmale, die einen Menschen nicht nur unsympathisch machen, sondern ihn auch in eine toxische zwischenmenschliche Abrissbirne verwandeln. Was diesen sozial destruktiven Wesenszügen zu Grunde liegt, ist oftmals ein emotionaler Schutzmechanismus. Ungesunder Egoismus verhindert die Fähigkeit mit Kritik umzugehen, geschweige denn sie überhaupt zuzulassen auf der einen Seite, und ein übersteigerter Geltungsdrang auf der Anderen. Beides dient nicht selten nur einem einzigen Zweck.

Unter der aufgeplusterten, unnachgiebigen und „perfekten“ Schale, verbirgt sich ein fragiler Kern namens Ego, der unglaubliche Angst davor hat nicht geliebt zu werden. Im tiefsten Inneren verspüren wir alle den Drang nach Zugehörigkeit und Akzeptanz. Wir wollen angenommen, wertgeschätzt werden und tun deshalb mitunter auch verrückte Dinge, die dem Zweck dienen unsere Furcht vor Ausgrenzung und Einsamkeit zu reduzieren. Doch leider schiessen wir dabei nicht selten weit über das Ziel hinaus.

Wenn Dein Ego Dein Feind ist

Arroganz zum Beispiel, ist der zur Gewohnheit gewordene Versuch sich der Aussenwelt als unglaublich wertvolles und begehrenswertes Prachtexemplar eines Menschen zu verkaufen. „Schau wie toll ich bin, du musst mich einfach gern haben!“ Diese „psychologische Verkaufsstrategie“ führt zu teilweise skurrilen Verhaltensmustern, die unsere Mitmenschen ironischerweise eher verschrecken als begeistern. Oft fallen wir auf die vielen Herzchen herein, die liebevolle Charaktereigenschaften vermitteln sollen.

Authentizität zeigt sich ohne versteckte Hintertüren

Der Unterschied zwischen geerdetem Selbstbewusstsein und verängstigtem Blendwerk ist jedoch für jeden halbwegs empathischen Menschen deutlich spürbar. Egal wie vorsichtig man sich verhält, es ist nur eine Frage der Zeit bis ein empfindliches Ego sich angegriffen fühlt und in Abwehrhaltung geht. Ein Fehltritt im psycho-sozialen Minenfeld genügt bereits und es kommt zur Explosion. Egal ob laut und aggressiv oder leise in Form einer vorwurfsvollen Stille. Der unterschwellige Schrei nach Liebe geht letzten Endes fast immer komplett nach hinten los. Es entsteht Abneigung statt Zuneigung. Distanz statt Nähe.

Um nicht irgendwann völlig allein und verzweifeln dazustehen, müssen wir diese destruktiven Muster durchbrechen. Und vor allem eines lernen: Kritik anzunehmen. Denn kritische Aussagen bedeuten keinesfalls den Entzug von Liebe, in vielen Fällen ist es vielmehr ein gut gemeinter Rat, ein Hinweis – schlicht die Aussenwahrnehmung. Das minimale Miteinander, das so wichtig ist, damit wir seelisch nicht vereinsamen.

Schutz vor sich selbst

Alles nur, weil im Kern ein Ego sitzt, das schreckliche Angst vor der Welt hat. Angst sich zu öffnen, Schwäche zu zeigen und dadurch Menschlichkeit zuzulassen, die notwendig wäre, um echte Liebe zu erfahren. Ein Teufelskreislauf in den ein jeder von uns immer wieder tappt. Und wer allen Ernstes behauptet, dass er das eigene Ego vollständig unter Kontrolle hat, ist dabei, wie sich das Ego kampfbereit macht. „Mein Ego habe ich unter Kontrolle und jeder der etwas anderes behauptet, kennt mich einfach nicht richtig.“

Ob wir wollen oder nicht, unser Ego gehört fest zu uns. Im Guten wie im Schlechten. Wer wirklich kein Problem mit dem eigenem Ego hat, fühlt sich auch nicht sofort angegriffen oder verletzt, wenn das eigene Selbstbild in Frage gestellt wird.

Karmakiller Ego

So deutlich und plakativ wie eben beschrieben zeigt sich unser Ego immer mal wieder, doch viel häufiger noch nehmen wir es unter dem Deckmantel anderer Gefühle wahr. Emotionen, die direkt oder indirekt dadurch entstehen, dass unsere Eigenwahrnehmung ins Wanken gerät. Kritik von aussen, (zu) hohe Ansprüche an die eigenen Fähigkeiten oder die Angst vor Fehlern und Misserfolgen. All diese Faktoren beeinflussen und bedrohen unser Selbstbild mal mehr und mal weniger stark. Das Ego, das im Grunde nur unser Wohlergehen im Sinn hat, fühlt sich dann überfordert und versucht zuweilen panisch mit Hilfe von Rechtfertigungen und Ausreden, eher schlecht als Recht, den aufkommenden Bedrohungen Paroli zu bieten.

Dies kann wie anfangs beschrieben dazu führen, dass wir eine Fassade aufbauen, die unser Innerstes vor unserem Inneren beschützen soll. Letztlich sind es nicht andere Menschen oder äussere Umstände, sondern unsere eigenen Erwartungen, Wünsche und Weltanschauungen, die unserem Selbstbild gefährlich werden. Von hier an ist es nur ein kleiner Schritt bis zum Narzissten, der sich fehl- und überschätzt und sein soziales Miteinander in gefährliche Bahnen lenkt.

Das echte Ich zeigen um das scharfe Ego zu besänftigen

Externe Impulse sind lediglich psychische Katalysatoren, die uns mit der Zerrissenheit unserer eigenen Persönlichkeit konfrontieren. Wer glaubt, zu jeder Zeit komplett integer zu sein, d.h. im eigenen Denken und Handeln immer einer klaren Linie zu folgen und sich selbst permanent treu zu sein, der hat noch nicht gelernt, die fabelhaften Märchen des eigenen Egos zu erkennen. Und sobald verschiedene Anteile von uns selbst miteinander in Konkurrenz treten, braucht es einen Schlichter, der wieder für Ruhe und Ordnung sorgt. Eine innere Stimme, die zusammenführt, was nicht wirklich zusammen passt. Auch in solchen Momenten kann eine kritische (äussere) Stimme ein wahrer Segen sein.

Märchenstunde mit dem Ego

Wir Menschen sind Experten darin uns selbst zu belügen und Narrative zu erfinden, mit denen unangenehme Erfahrungen und Fehlschläge so hingedreht werden, dass sie zu unserem Selbstbild passen. Anstatt unser Denken und Handeln kritisch zu hinterfragen und aus Fehlern und unangenehmen Gefühlen zu lernen, verändern wir einfach die Geschichte dessen was uns widerfahren ist, sodass sie zum Status Quo unserer Selbstwahrnehmung passt. Leider war das gutgemeinte „Das hast Du aber fein gemacht“ in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich hilfreich. Und in diesem Zusammenhang wäre es wichtig und notwendig, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.

Einfacher ausgedrückt: „Ich rechtfertige lieber eine Lüge vor mir selbst, als mich mit den Konsequenzen meines Handelns auseinanderzusetzen.“ Eine solche Form der kognitiven Dissonanz ist ein effektives, aber langfristig selbstzerstörerisches Mittel, um die eigene Gefühlswelt zu stabilisieren. Früher oder später entfernt sich die Realität zu weit von der Scheinwelt und dem verzerrten Selbstbild, welches unser Ego sich immer und immer wieder zurechtgebogen hat. Spätestens dann, wenn die Komfortzone, das Zuhause des Egos, unter unseren Füssen zusammenbricht, spätestens dann werden wir vom Leben dazu gezwungen unser Verhalten zu hinterfragen. Das ist meist dann der Fall, wenn nahe Verbindungen zerbrechen; die Familie oder gute Freunde. Wenn plötzlich keine normale Kommunikation mehr möglich ist, wenn jedes Gespräch im Streit endet.

Viel subtiler, aber nicht weniger gefährlich, macht sich unser Ego bemerkbar, wenn wir motiviert, aber ängstlich, eine neue Herausforderung in Angriff nehmen. Der lang ersehnte Traumjob. Eine Liebesbeziehung. Das Buch, das wir schon seit Jahren schreiben wollen. Die hemmende Furcht, die wir verspüren wenn wir einen Schritt aus unserer Komfortzone wagen, entstammt unserem zittrigen Selbstbild, das Angst hat an der Aufgabe zu zerbrechen.

Innerhalb unserer Komfortzone ist alles einfach und bequem. Das Ego übernimmt in dieser Metapher den Job des Türstehers, der extrem kritisch alles und jeden unter die Lupe nimmt, der auch nur ansatzweise versucht, an diesem heiligen Ort der emotionalen Sicherheit etwas zu verändern. Nicht selten überlegen wir es uns dann im letzten Moment anders.

Bewerben uns nicht auf den Traumjob… dafür sind wir nicht qualifiziert genug. Sprechen den Traummann / die Traumfrau nicht an… er oder sie ist viel zu schön für uns. Und die grossartige Buchidee findet unser Ego plötzlich langweilig und altbacken. Wieder einmal legen wir uns eine Geschichte oder Ausrede zurecht, durch die wir unser Tun rechtfertigen und mit Hilfe derer wir vor dem Tribunal unserer persönlichen Werte einen Freispruch erwirken. Zurück in die Komfortzone und Decke über den Kopf. Der Türsteher ist zufrieden. Zumindest kurzfristig.

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Eines schönen oder schmerzhaften Tages, werden der Leidensdruck und der daraus resultierende Wunsch nach Veränderung jedoch so gross sein, dass wir unserem Ego von hinten in den Rücken treten und mit einem Hechtsprung aus der Komfortzone flüchten. Auch wenn dieser Akt eher einem Drahtseilakt ähnelt, zu wünschen wäre es dem ein oder anderen, der sich in der Schleife der Selbstgefälligkeit verhakt hat. Denn das Leben ist im Grunde zu schön, als es einfach den Berg herunter rutschen zu lassen.

Eine Geschichte von uns, für uns

Spätestens dann stellen wir fest, dass die grosse Herausforderung gar nicht so furchteinflössend ist, wie wir uns selbst immer und immer wieder eingeredet haben. Der Job, die Beziehung oder das Buch. Ein bisschen unheimlich und aufregend ist das schon, aber kein Vergleich zu der Reue und den permanenten Selbstzweifeln, die immer stärker aus den hintersten Ecken unseres Verstandes hervorquellen, wenn wir Stück für Stück realisieren und fühlen, dass unser Selbstbild eine gut gemeinte Lüge ist, die uns zwar nett aussehen lässt, aber eine leere Fassade präsentiert.

Neben der Selbstgefälligkeit ist auch der Drang nach Perfektion ein ähnliches Trugbild. Nichts und niemand ist perfekt. Auch das Leben selbst steckt voller Pannen. Doch um innerlich zu wachsen, sind Fehler unausweichlich. Und das ist in Ordnung. Denn es sind die Herausforderungen, an denen wir wachsen.

Besser also, die Feder selbst in die Hand zu nehmen, bevor das Leben uns dazu zwingt. Ersteres ist ein bisschen anstrengend und erfordert ein wenig Mut. Warten wir hingegen zu lange und lassen das Schicksal über unsere persönliche Entwicklung entscheiden, ist der Schmerz vorprogrammiert. Umso grösser und stärker der Türsteher, desto härter wird der Schlag, der ihn letzten Endes zu Boden wirft. Und eines ist sicher. Der Schlag wird kommen, wenn wir nicht selbst in Aktion treten.

Lernen statt leiden

Wie eine Autoimmunkrankheit richtet sich unser falsches Ego gegen uns selbst. Es will uns beschützen. Es will nur unser Bestes. Eigentlich. Doch bei diesem Versuch zerstört es genau das, was es eigentlich bewahren möchte. Unsere geistige und emotionale Gesundheit leidet unter diesem permanenten Türsteher, mit all seinen Ängsten, Ansprüchen und Märchengeschichten.

Besser wir arbeiten Hand in Hand mit ihm, nutzen sein Feuer als Motivation, nicht als Ausrede. Wir können ihm zuhören, um mehr über uns selbst und unsere Schwächen zu lernen. Das Ego zeigt uns gnadenlos, aber ehrlich, unsere Ängste und Probleme auf. Es ist ein Blick in den Spiegel, der die Wahrheit zeigt und dafür sorgt, dass wir die Beine auf dem Boden behalten. Ein Blick in den Spiegel, der heilsam ist, wenn wir endlich bereit sind. Dem Inneren einen Ruck geben, der Hügel ist leichter zu erklimmen als vorher gedacht.

gesund bleiben

Gesundheit beginnt im Kopf

Gesund bleiben, ein individueller Weg

Raus aus der Komfortzone, rein in die Realität

Es liegt an uns, ob wir daran zerbrechen oder anfangen klar zu sehen, was wirklich in uns vorgeht. Mit Arroganz und Sturheit die Wahrheit maskieren oder das Leben und den eigenen Charakter proaktiv gestalten. Es gilt, die innere Einstellung zum Leben schlechthin zu verändern. Hohe Erwartungen und ebenso Ansprüche verführen dazu, ein trügerisches Selbstbild aufzubauen, das auch der Umwelt vorgespielt wird. Doch dieser Weg ist eine holprige Einbahnstrasse. Also raus aus der Komfortzone, rein in die Realität. Dein Ego kann ein mächtiger Freund sein, aber auch dein schlimmster Feind.

Ein gesundes Ego wird Dich schützen

Wenn Du Dich nicht dafür entscheidest an ihm zu arbeiten, wird sich das Ego an Dir abarbeiten und Dich zu einem Gefangenen machen. Leben oder gelebt werden. Ego oder Freiheit.