Ohne Heimat leben: Der Blickwinkel vergrössert sich

Vor dem Mauerfall 1989, 4. November, Berlin Alexanderplatz,

30 Jahre nach dem Mauerfall höre ich wieder ein Wort: „Freiheit für das Volk“. Ich bin überrascht. Gerichtet an Italiener, aber auch klar an die EU: an Merkel, Macron und Monte und Renzi. Das Land, in dem ich lebe, klagt mein Heimatland an und ringt um Freiheit. Im Jahr 2019 macht sich auch Verwunderung in mir breit. Um zu verdeutlichen, weshalb ich sage, dass ich zweimal meine Heimat verloren habe, müssen wir Brücken schlagen, die Länder und Zeit überwinden. 

Wie im Western: Rauch am Himmel sind Zeichen

Pontida am 15. September 2019. Was hier vor sich geht, ist der Beginn einer Revolution. Der italienischen Revolution. Die Zeichen sind eindeutig und nicht zu verkennen. Mit zwei erlebten Revolutionen kann ich das sagen. Wenn ein Land nicht mehr kann, wenn der Leidensdruck der Menschen zu gross wird, dann steht das Volk auf und eröffnet symbolisch das Feuer.

Wieder erlebe ich mit, wie Menschen aufstehen. Die Italiener wollen Arbeit und frei sein. Und vor allem eines: Frei von den Zwängen der EU. Und deshalb richten sich die Worte an Merkel, Macron und Brüssel, die europäische Politik bestimmen und mit schwerfälliger Bürokratie belasten. Sie haben lange auf jemanden gewartet, der stark genug ist, sich zur Wehr zu setzen. Ich kenne das Gefühl und den dringenden Wunsch, sich zu befreien. Mit dem Blick zurück habe auch ich das Gefühl, dass sich die EU überlebt hat und eine Renovierung dringend nötig ist.

Ohne Heimat, eine Deutsche im Ausland

Auch wenn ich heute in Italien lebe, geht mein Blick natürlich jeden Tag nach Deutschland. Ich bin die, die ich immer war: Ein Mädchen aus Ost-Berlin. Natürlich bleibt ein Teil meines Herzens immer dort: Im alten Friedrichshain, in der Pappelallee in Prenzlauer Berg, dem HdjT und bei Pankow.

Doch was ich sehe, ist mittlerweile unerträglich. 30 Jahre nach dem Mauerfall verstört mich Herbert Grönemeyer mit einem diktatorischen Aufruf „… dann liegt es an uns zu diktieren, wie ´ne Gesellschaft auszusehen hat.“ Bin ich 1989 auf die Strasse gegangen, um mich wieder diktieren zu lassen? Vielleicht nicht in der Lebens- aber Denkweise? Nein, auf keinen Fall. Auf gar keinen Fall setze ich ein “ja” unter den Ausdruck “Wir müssen diktieren…”. Eine Gesellschaft formt sich von innen, ist Ausdruck der Unterschiede und nicht derer, die diktieren wollen. Schluss mit lustig, die Flugzeuge im Bauch sind abgestürzt. Das war einer zu viel.

Sein Ton hingegen noch eine Spur schlimmer, was ich hier gar nicht weiter kommentieren möchte. Heiko Maas applaudiert und feiert ihn frenetisch auf Twitter. Deutschland im Jahr 2019, 30 Jahre nach dem Mauerfall. Was früher links war, ist heute rechts. Im Laufe der Zeit wurden Begrifflichkeiten ausgetauscht, langsam eine neue Sichtweise geprägt. Alles fing ganz harmlos an mit einem „Negerkuss“. Erinnern Sie sich? Eine sentimentale Kindheitserinnerung an eine der beliebtesten Süsswaren, mehr war es doch nicht. Was gesellschafts-politisch daraus gemacht wurde, grenzt an Körperverletzung.

Worte schwimmen in die Unkenntlichkeit

Mir fehlen die Grautöne in jeglichen Debatten der Gegenwart. Es sind vor allem deutsche Medien, die permanent nur Schwarz oder Weiss kennen. Entweder bist Du Gutmensch oder Rassist. Eine solche Haltung kann nicht gesund sein. So sind meine Bedenken zur Migrationspolitik nicht das Ergebnis rechter Gedankengänge, sondern Erfahrungen aus meinem Leben, und das aus verschiedenen Ländern und Kontinenten.

Warum sind wir zu Gegnern geworden?

Der Journalismus von heute – Entschuldigung, der deutsche Journalismus von heute, grosse Medien sorgen dafür, dass jeder, der hinterfragt, kritisiert zum „Rechten“ oder „AfD-Wähler“ oder mindestens zum Sympathisanten er AfD gemacht wird. Weniger intelligent, aber effektiv, um potenzielle Widersacher aus dem Weg zu räumen. Parallel nennt man die AfD dann „Nazi-Partei“, faschistisch etc. verunglimpft alle anderen gleich mit. In einer Zeit, die von Individualismus geprägt ist, wird am Ende des Tages doch jeder in einen grossen Topf geworfen.

“Rechts” ist eine politische Position – Kein Nachkriegserbe

Auf Veranstaltungen der Lega oder Salvinis Wahlauftritten ist ein anderes Bild zu sehen: Menschen wie du und ich, die sich zusammenfinden, die tiefgreifende Veränderungen wollen und keine Angst vor der EU haben. So hörte ich eine Frau rufen: „Ich lasse mir nicht den Mund verbieten. Ich habe keine Angst!“ Die Menschen im „Osten“ übrigens auch nicht. Ich rede nicht von Menschen mit Glatze, die mit schwarzem T-Shirts durch die Straßen Sachsens ziehen. Ich rede vom Ostdeutschen, der sehr wohl weiss, was er an der Wahlurne tut: Er will Veränderungen. Aus den vielen Stimmen, die ich auf Twitter lese, steigt eine Erinnerung auf, aus der Zeit zwischen Mauerfall und Union: „Und wenn das nicht klappt, holen wir uns unser Land wieder zurück.“ – So einfach kann eine Wahlanalyse sein, werte Damen und Herren. 

Ich habe meine Heimat zweimal verloren 

Doch wo bin ich inmitten der Menge? Wo ist mein Land? War es nicht gestern, als ich für Freiheit auf den Strassen Berlins stand? Kurz vor dem Mauerfall. Wir wollten Veränderungen, die Auflösung der starren Regierung, die sich keinen Millimeter zum Volk bewegen wollte, die Freiheit zu sagen, was man denkt. Und heute? … kämpft ein Italiener für die Befreiung, für Arbeit und Lohn der Menschen, ich als Ausländerin in seinem Land. Mein Land hingegen … ist nicht mehr da. Geblieben sind geografische Linien, die Revolution am Vorabend zum 30. Jahrestag des Mauerfalls verraten. Meine Heimat gibt es nicht mehr, seit dem politischen und gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre muss ich mir schmerzlich eingestehen: Ich habe mein Land ein zweites Mal verloren. 

… denn unabhängige Medienarbeit macht solche Artikel wie diesen möglich.

Man kann in Italien nicht mit deutschen Augen sehen

Immer wieder höre ich: „Liberta! Liberta!“ – Jeder Staatschef sollte sich jetzt hüten zu behaupten, solche Chöre seien organisiert. In zwei Revolutionen, die ich bisher erlebt habe, war es eher der verzweifelte Versuch, politische Gegner auszuschalten. Wie die Geschichte zeigt, sind diese Versuche kläglich gescheitert und haben das Volk in seiner wachsenden Kraft noch gestärkt. Wieder stehe ich ungewollt auf der anderen Seite. Als hätte Italien auf einen wie ihn gewartet. Er widersetzt sich dem europäischen Gelaber. Er kuscht weder vor Frau Merkel noch vor den hohen Kommissaren in Brüssel. 

Wer nach dem Brexit noch immer nicht verstanden hat, dass die ursprüngliche Einheit Europas aufgrund tiefer Risse leidet, lebt an der Realität vorbei. Und so frage ich mich, wie lange sich der deutsche Tunnel- oder Trichterblick noch aufrechterhalten lässt. 

Schluss mit Rechts und Links!

Das Schwarz-Weiss Denken ist ebenfalls wie die alten Fotos überholt. Wir leben im Zeitalter digitaler Fotos und sind in der Lage, Nuancen zu gestalten, zu sehen. Es würde der allgemeinen Stimmung gut tun, endlich in diesen kleinkarierten Schubkästen von rechts und links zu denken. Stattdessen zuhören, was der andere sagt und ihm nicht die Worte im Mund verdrehen. Für ein Miteinander, das Nähe schafft.

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