Überblick Ausstellungen 2021 Leopold Museum Wien

Alfred Kubin, Ins Unbekannte, 1900/01 © Leopold Museum, Wien, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © Eberhard Spangenberg/Bildrecht, Wien, 2021

Die Ausstellungen 2021 Leopold Museum im Überblick. Eintrittskarten kaufen Sie online und direkt über Getyourguide. Mit Möglichkeit zur Stornierung.

WIEN 1900
AUFBRUCH IN DIE MODERNE
Seit 16.03.2019

Ö1 TALENTESTIPENDIUM
AUSSTELLUNG DER NOMINIERTEN
29.10.2020–07.03.2021

EMIL PIRCHAN
VISUELLE REVOLUTION
08.12.2020–06.06.2021

INSPIRATION BEETHOVEN
EINE SYMPHONIE IN BILDERN AUS WIEN 1900
08.12.2020–06.06.2021

MENSCHHEITSDÄMMERUNG
ZWISCHEN LYRISCHER EMPFINDSAMKEIT UND SACHLICHER WELTAUFFASSUNG
10.02.2021–05.04.2021

THE BODY ELECTRIC
ERWIN OSEN – EGON SCHIELE
16.04.2021–26.09.2021

JOSEF PILLHOFER
IM DIALOG MIT KÜNSTLERN DER MODERNE
30.04.2021–29.08.2021

KOOPERATION
IMPULSTANZ – VIENNA INTERNATIONAL DANCEFESTIVAL
15.07.2021–15.08.2021

DIE SAMMLUNG SCHEDLMAYER
EINE ENTDECKUNG
10.09.2021–16.01.2022

LUDWIG WITTGENSTEIN
FOTOGRAFIE ALS ANALYTISCHE PRAXIS
24.09.2021–23.01.2022

KUBIN AUF DER COUCH
BEKENNTNISSE EINER GEQUÄLTEN SEELE
19.11.2021–13.02.2022


Beschreibung der Ausstellungen in Wien

Wien 1900 – Aufbruch in die Moderne

Die als Dauerpräsentation konzipierte Ausstellung Wien 1900 – Aufbruch in die Moderne gewährt einen Einblick in die enorme Fülle und Vielfalt künstlerischer wie geistiger Errun- genschaften dieser Epoche mit all ihren kulturellen, sozialen, politischen und wissenschaft- lichen Implikationen. Basierend auf den von Rudolf Leopold gesammelten Beständen des Leopold Museum und ergänzt um ausgewählte Leihgaben aus mehr als 50 privaten und in- stitutionellen Sammlungen, vermittelt die Präsentation auf einzigartige Weise das Fluidum der einstigen Weltkulturhauptstadt Wien und beleuchtet die von Gegensätzen geprägte Aufbruchsatmosphäre, die zur Zeit der Jahrhundertwende herrschte.

Gustav Klimt, Altar des Dionysos, 1886 © Öl auf Leinwand, 32 × 158 cm, Leopold Museum, Wien, Schenkung aus Wiener Privatbesitz, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Über drei Etagen hinweg sind auf mehr als 3.000 m2 Ausstellungsfläche rund 1.300 Expona- te zu sehen. Die Präsentation glänzt mit einer einzigartigen medialen Vielfalt, die von Male- rei, Grafik, Skulptur und Fotografie über Glas, Keramik, Metall, Textilien, Leder und Schmuck bis hin zu Möbelstücken und ganzen Wohnungseinrichtungen reicht. Zahlreiche Archivalien ergänzen die thematischen Schwerpunkte. Die Ausstellung spannt einen zeitlichen Bogen von ca. 1870 bis 1930.

Wien war im Fin de Siècle Nährboden für ein beispiellos fruchtbares Geistesleben in den Bereichen der Künste und Wissenschaften. Paradoxerweise ereignete sich diese singuläre Hochblüte zeitgleich mit der stetigen Zunahme von politischen und sozialen Machtkämp- fen sowie Interessenskonflikten zwischen den verschiedenen Nationalitäten der Österrei- chisch-Ungarischen Monarchie. Die Einzigartigkeit gründet vor allem auch in der Tatsache, dass von dieser Blütezeit nicht nur spezifische Bereiche betroffen waren, sondern der Aufbruch in den unterschiedlichsten Disziplinen – von Malerei, Literatur und Musik über Theater, Tanz und Architektur bis hin zu Medizin, Psychologie, Philosophie, Rechtslehre und Ökonomie – stattfand.

Neu in der Präsentation ist das Gemälde Altar des Dionysos von Gustav Klimt, welches das Leopold Museum als Schenkung aus privater Hand erhalten hat. Darüber hinaus werden aus konservatorischen Gründen Fotografien, grafische Arbeiten und Archivalien alle paar Monate ausgetauscht, womit neue Nachbarschaften und damit neue Blickwinkel in der Präsentation entstehen.


Ö1 Talentestipendium – Ausstellung der Nominierten

Das Ö1 Talentestipendium wird mit Unterstützung des Wiener Städtischen Versicherungs- vereins jährlich an eine/n NachwuchskünstlerIn vergeben. Die heuer erstmals im Leopold Museum präsentierte Ausstellung von Arbeiten der vier Nominierten bietet ein thematisch wie medial vielgestaltiges Bild, das auch beispielhaft für den Reichtum und die Diversität der aktuellen Kunstproduktion an österreichischen Kunstuniversitäten steht.

Ausstellungsansichten Ö1 Talentestipendium, 2020 © Leopold Museum, Wien

Camille Holowkas Auseinandersetzung mit Architektur mündet in Skulpturen, Plastiken und raumspezifischen Interventionen, welche die Charakteristik eines jeden gebauten Raumes beleuchten, um die ihm zugrunde liegenden kulturellen und gesellschaftlichen Parameter zu konservieren.

Sara Lanner entwickelt ihre Erkundungen zu Identität und Körper, den sie als soziale Choreo- grafie und Skulptur begreift, mit performativen und choreografischen Ansätzen und bringt damit das Feld der bildenden Kunst mit jenem des zeitgenössischen Tanzes in Berührung.

Die Bildwelten von Simon Lehner sind autobiografisch grundiert und thematisieren häus- liche Gewalt, psychische Gesundheit und (männliche) Identitätssuche. Die Fotografie dient ihm dabei als Ausgangsmedium, das er durch die digitale (Re-)Konstruktion von Erlebtem, Verlorenem und Imaginiertem erweitert.

Die kritische Reflexion von Machtregimen, Konventionen und Normierungen steht im Fo- kus der künstlerischen Praxis von Juliana Lindenhofer. In ihren skulpturalen und plastischen Arbeiten setzt sie gezielt auf die Dissonanz von Materialien und Gesten, um mit Deformati- onen und Hybriden neue Desiderate zu erzeugen.

Das Ö1 Talentestipendium in der Höhe von 10.000 Euro ging nach einstimmigem Jury- beschluss an Simon Lehner, der an der Wiener Universität für angewandte Kunst studiert hat. Das Ö1 Publikumsvoting konnte Sara Lanner, Studierende an der Akademie der bilden- den Künste Wien, für sich entscheiden.


Emil Pirchan – Visuelle Revolution

Das Leopold Museum zeigt mit der Ausstellung Emil Pirchan – Visuelle Revolution die ers- te umfassende Retrospektive zum Werk des Künstlers in Österreich. Mehr als 200 Objek- te geben Einblick in das Schaffen von Emil Pirchan (1884–1957), der als Gebrauchsgrafiker ebenso reüssierte wie als Pionier des expressionistischen Bühnenbildes. Zudem betätigte er sich als Designer, Architekt, Autor, Buchillustrator und Hochschullehrer. Seinen Einfallsreich- tum konnte der vielseitige Gestalter an den Wirkungsorten München (1908–1919), Berlin (1919–1932), Prag (1932–1936) und Wien (1936–1957) entfalten.

Emil Pirchan, Plakat für die Revue ­Bitte zahlen! von Louis Taufstein und Eugen Burg (Berlin, Nelsontheater, Uraufführung 4.10.1921), 1921 © Theatermuseum, Wien, Foto: KHM-Museums­verband, Theatermuseum, Wien © Nachlass Emil Pirchan, Sammlung Steffan/Pabst, Zürich

In seiner Kreativität und Vielseitigkeit ist Pirchan mit den bedeutendsten Vertretern des Designs der Wiener Moderne, wie dem „Tausendkünstler“ Koloman Moser oder Josef Hoffmann, vergleichbar. „Ich bin dem Theater verfallen mit Pinsel und Feder, mit Herz, Hirn und Hand“, schrieb er in einer biografischen Notiz, um sich sogleich als „Organist an der auf- rauschenden Orgel der Bühnenfarben, des Bühnenlichtes, des Raumgestaltens“ und „innig beflissener Diener am Gesamtkunstwerk des Theaters“ zu deklarieren.

1912 veranstaltete er in der Modernen Galerie Thannhauser in München eine Personale, die gänzlich dem Thema Bühnenbild gewidmet war. Nachdem man ihm die Leitung der Bereiche Bühnenbild und Verwaltung des Kostümwesens am Bayerischen Staatstheater überantwortet hatte, berief ihn 1919 der bedeutende Regisseur und Theaterintendant Leopold Jessner an das Staatliche Schauspielhaus in Berlin.

Von Anfang an galt Pirchans Interesse dem Tanz, insbesondere den Bewegungsabläufen. Auch als Kostüm- und Maskenbildner betätigte er sich und überließ dabei zur Maximierung der Wirkung nichts dem Zufall, sondern setzte auch in den Bereichen Beleuchtungstechnik und Bühnenbildprojektion neue Maßstäbe. Vor wenigen Jahren sichtete Pirchan-Enkel Beat Steffan im Besitz der Familie verbliebene Kisten auf dem Dachboden des Zürcher Eltern- hauses, welche die reiche Hinterlassenschaft des Künstlers enthielten. Die Aufarbeitung des Nachlasses bildete die Basis für die 2019 im Museum Folkwang in Essen präsentierte Aus- stellung und die aktuelle Schau im Leopold Museum.

Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Museum Folkwang, Essen.


Inspiration Beethoven | Eine Symphonie in Bildern aus Wien 1900

Anlässlich des 250. Geburtstages von Ludwig van Beethoven im Dezember 2020 zeigt das Leopold Museum eine Fokus-Ausstellung im Rahmen der Dauerpräsentation Wien 1900 – Aufbruch in die Moderne. Im Zentrum der Ausstellung steht das repräsentative Bildprogramm Josef Maria Auchentallers für das Musikzimmer in der Villa des Wiener Schmuckfabrikanten Georg Adam Scheid. Es umfasst fünf Gemälde von beinahe zweieinhalb Metern Höhe und rund neun Metern Gesamtlänge, zu denen Auchentaller 1898/99 von Beethovens VI. Sym- phonie, der Pastorale, inspiriert wurde. Das für die facettenreiche Beethoven-Verehrung um 1900 repräsentative Musikzimmer wird nun erstmals in Österreich rekonstruiert und er- möglicht ein räumliches Erleben dieses einzigartigen Gesamtkunstwerkes – im Dialog mit Arbeiten von Künstlern der Wiener Secession.

Inspiration Beethoven Leopold Museum Wien Dezember 2020-April 2021

Der Geniekult um Ludwig van Beethoven ist spätestens ab seinem Tod 1827 nachweisbar; im Wien um 1900 steigerte er sich jedoch zu einem besonderen Phänomen mit fast sakra- len Zügen. So ist Auchentallers Faszination für die Musik Beethovens charakteristisch für die Verehrung des Komponisten durch die Wiener Secession insgesamt.

Dies gilt insbesondere für die an der IV. Ausstellung, der sogenannten Beethovenausstellung, beteiligten 21 Künstler, darunter Gustav Klimt, Alfred Roller, Friedrich König, Max Klinger oder Josef Hoffmann, der 1902 die künstlerische Gesamtleitung innehatte und der Aus- stellung die weihevolle Stimmung eines Kunsttempels verlieh. Wenngleich Auchentallers vielfältiges Œuvre heute paradigmatisch für eine Jugendstilkunst steht, an der er sowohl in seiner Münchner Zeit als auch als Mitglied der Wiener Secession Anteil hatte, so war sein Schaffen als Maler, Grafiker und Schmuckdesigner – bis zu seiner ersten großen Retrospek- tive im Leopold Museum im Jahr 2009 – kaum bekannt.

Als Orte des privaten Kunstgenusses, aber auch der Repräsentation sind Musikzimmer Ausdruck eines gehobenen Lebensstils im Bildungsbürgertum um 1900. Den Künstlern der Wiener Secession boten die Aufträge zur Ausgestaltung von Musikzimmern ein kreativ an- regendes Betätigungsfeld.

Die Rekonstruktion des einzigartigen Bildprogramms Josef Maria Auchentallers zum Beethoven-Musikzimmer der Villa Scheid tritt in der neuen Fokus-Ausstellung in Interaktion mit Werken von Künstlern der Wiener Secession wie Gustav Klimt, Alfred Roller oder Josef Hoffmann. Inspiration Beethoven. Eine Symphonie in Bildern aus Wien 1900 zeigt schlaglicht- artig, wie Beethoven in der bildenden Kunst der Jahrhundertwende zur Inspirationsquelle und zum vielgestaltigen Bezugspunkt einer um Erneuerung und Anerkennung ringenden Wiener Moderne wurde.


Menschheitsdämmerung | Zwischen lyrischer Empfindsamkeit und sachlicher Weltauffassung

Die Ausstellung präsentiert Werke von elf Künstlern, die in der Zeit der Ersten Republik (1918–1938) einen bedeutenden Beitrag zur malerischen Moderne Österreichs geleistet haben: Alfons Walde, Albin Egger-Lienz, Anton Kolig, Herbert Boeckl, Gerhart Frankl, Anton Faistauer, Josef Dobrowsky, Hans Böhler, Alfred Wickenburg, Rudolf Wacker und Sergius Pauser kennzeichnen den Pluralismus zwischen einem zurückhaltenden, von Innerlichkeit geprägten, epressiven Kolorismus und einer vom nüchternen Blick auf die Dingwelt gelei- teten Neuen Sachlichkeit.

Herbert Boeckl, Stillleben mit Ofenrohr, 1925 © Leopold Museum, Wien, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © Herbert Boeckl-Nachlass, Wien

Gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Umwälzungen nach dem Untergang der Monarchie und den traumatischen Ereignissen des Krieges trugen, wenn auch verklausu- liert, thematische Akzente bei. Anstelle begrabener Utopien traten Dystopien auf den Plan; soziale Nöte, Depression und Lebensskepsis machten sich breit. Künstlerische Panoramen zeugen von einer Flucht in verspielte Darstellungen, in zeitlose Stillleben oder in märchen- haft erscheinende Landschaften, die in Anbetracht der Wirklichkeit eskapistisch anmuten. Das Spektrum reicht von heiter und traumhaft beschwingten Darstellungen bis zu melan- cholischen, von Traurigkeit durchdrungenen Sujets.

Die expressionistischen Ausdrucksmodalitäten jener Zeit spiegeln sich in einer gefühlsbe- tonten Bildsprache wider, welche die Hinterfragung von Identitätsmodellen im Blick hat. Farbintensiv-leuchtendes wie auch dunkeltönig-erdiges Kolorit, das zunehmend autonom eingesetzt wird, bestimmt diese malerische Manier. Pastose Farbflecke treiben die Bildstruk- tur vereinzelt zur Auflösung und werden als bildgestaltendes Material eingesetzt.

Neben den expressionistischen Ausformungen sind es die Tendenzen der Neuen Sachlich- keit, die dominierten. Die Sehnsucht nach Struktur, Klarheit und Ordnung war nach der Apokalypse des Ersten Weltkrieges evident und führte zu einem scharfkantig-linearen Stil, zu fest umrissenen Formen und einer gewollt nüchternen und kühlen Darstellungsweise. Ruhe, Erstarrung und Reglosigkeit der verarbeiteten Sujets sind dabei gepaart mit koloris- tischer Zurückhaltung und einer Verfestigung der Form, die sich durch sachliche Zugänge an der neuen Wirklichkeit zu orientieren sucht.


The body electric | Erwin Osen – Egon Schiele

Das Leopold Museum zeigt mit The Body Electric: Erwin Osen – Egon Schiele eine Ausstel- lung, die auf einer Gruppe kürzlich in England entdeckter und vom Museum erworbener Patientendarstellungen von Erwin Osen (1891–1970) aufbaut. Diese entstanden im Auftrag von Stefan Jellinek (1871–1968), einem bis 1939 in Wien tätigen Mediziner, der seinen wis- senschaftlichen Schwerpunkt auf die Dokumentation und Erforschung der Gefahren, aber auch der medizinischen Anwendungsmöglichkeiten von Elektrizität legte.

Erwin Dominik, Osen Patientenporträt, 1915 © Leopold Museum, Wien, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Während des Ersten Weltkrieges leitete er das Neurologiezentrum im II. Garnisonsspital am Rennweg, wo er u. a. elektrotherapeutische Maßnahmen zur Behandlung posttraumatischer Belastungs- störungen an Soldaten durchführte. Erwin Osen war im Frühjahr 1915 selbst Patient dieser medizinischen Einrichtung; die neu entdeckten Zeichnungen entstanden teils während und teils außerhalb seiner stationären Aufenthalte. Die bisher unbekannten Blätter Osens, der Mitunterzeichner des Neukunstmanifests sowie Weggefährte und Modell Egon Schieles (1890–1918) war, bereichern unser Verständnis der Wiener Moderne und ihrer Kunstpraxis – einer Kunstpraxis, die eng mit der Kultur der klinischen Medizin verwoben war.

Die klinische Medizin beruht als patientenbezogene Praxis der Heilkunde auf der Untersu- chung des Körpers zur Diagnose, Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten. Wien galt um die Jahrhundertwende als Europas Hauptstadt der klinischen Medizin. Schiele, Osen und andere Künstler dieser Zeit standen in engem Kontakt zu Fachärzten, die als Sammler und mitunter auch als Auftraggeber in Erscheinung traten oder den Künstlern die Möglichkeit boten, medizinische Einrichtungen für ihre Arbeit zu nutzen.

The Body Electric stellt Erwin Osens im Auftrag des Allgemeinmediziners Adolf Kronfeld 1913 in der psychiatrischen Klinik Am Steinhof entstandene Patientenporträts sowie seine zwei Jahre später im II. Garnisonsspital unter Stefan Jellinek angefertigten Porträts jenen Zeichnungen von Schwangeren und Neugeborenen gegenüber, die Egon Schiele 1910 in Kooperation mit dem Gynäkologen Erwin von Graff in der II. Frauenklinik geschaffen hatte. Der medizinische Kontext ist allen diesen Bildern eingeschrieben, doch die von ihnen aufge- worfenen Fragen zum Hintergrund ihrer Entstehung, zu Blickregime und Objektifizierung bleiben nicht auf diesen beschränkt. Mit den vorgenommenen Perspektivierungen zeigt die Ausstellung, dass im Kontext einer „klinischen Moderne“ vermeintlich Altbekanntes für ei- nen gänzlich neuen Zugang erschlossen werden kann.


Josef Pillhofer | Im Dialog mit Künstlern der Moderne

Anlässlich des 100. Geburtstages im Jahr 2021 würdigt das Leopold Museum Josef Pillhofer (1921–2010), einen der bedeutendsten österreichischen Bildhauer und Zeichner, mit einer umfassenden Retrospektive und stellt gleichzeitig sein Schaffen in einen Dialog mit den he- rausragenden Protagonisten der Bildhauerei der Moderne, wie Degas, Rodin, Maillol, Lehm- bruck, Laurens, Giacometti, Avramidis und Wotruba.

Pillhofers künstlerisches Arbeiten erstreckte sich über mehr als ein halbes Jahrhundert und setzte in seiner Zeit an der Grazer Kunstgewerbeschule 1938 bis 1941 ein, worauf das Stu- dium an der Wiener Akademie der bildenden Künste folgte, wo er von 1946 bis 1950 seine erste Prägung in der Klasse von Fritz Wotruba erfuhr.

1950 erhielt Pillhofer ein Staatsstipendium und übersiedelte nach Paris, wo er bei Ossip Zadkine an der Académie de la Grande Chaumière studierte und in dessen Atelier arbei- ten konnte. Seine Auseinandersetzung mit den Vertretern der kubistischen Plastik – neben Zadkine waren dies vor allem Jacques Lipchitz, Alexander Archipenko und Henri Laurens – blieb nicht ohne Auswirkungen auf seine Formensprache. In seiner Pariser Zeit machte er überdies Bekanntschaft mit weiteren bedeutenden Bildhauern und Plastikern der franzö- sischen Metropole, etwa mit Constantin Brâncuși oder Alberto Giacometti.

Alberto Giacometti, Büste von Diego, 1955 © mumok – museum moderner kunst stiftung ludwig wien, Foto: mumok – museum moderner kunst, stiftung ludwig wien © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht Wien, 2021

„Für mich stand und steht“ – so Pillhofer 1994 über die Bedeutung seiner Pariser Zeit – „die menschliche Sinnbezogenheit mit der natürlichen Erscheinung im Medium der Skulp- tur nicht im Widerspruch zu einem glaubhaften zeitgenössischen Anliegen, so auch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, allerdings in offener Wahrnehmung und mit den Erfahrungen der Moderne.“ In diesem Zitat rekurriert Pillhofer auf die „Klassik der Moderne“ in der Skulptur eines Aristide Maillol oder Wilhelm Lehmbruck – zwei Bildhauer, die er sehr schätzte. Die Rezeption dieser verschiedenen künstlerischen Sprachen bedeu- tete für Pillhofer nach seiner Rückkehr nach Wien „die Grundlage und Ausgangssituation für alles Weitere“.

Pillhofer ging durch seine Affinität zur Natur in seiner Figurendarstellung von realistischen Gegebenheiten aus, demgegenüber nehmen aber auch ungegenständliche Objekte aus geometrischen Formen einen bedeutenden Platz in seinem Œuvre ein. Der Aspekt der Reduktion sowie die Auseinandersetzung mit Räumlichkeit, Tektonik, Rhythmik und Pro- portion aus geometrischen Formen spielen in beiden Werkgruppen eine zentrale Rolle. Jederzeit ging es Pillhofer, der einer der am stärksten international orientierten und laut Wilfried Skreiner auch der erste gegenstandslose Plastiker Österreichs war, in seinem bild- hauerischen Schaffen um eine formale Klarheit, die durch die Fragmentierung der sicht- baren Wirklichkeit imstande sein sollte, einfache Strukturen aus komplexen Phänomenen mit äußerster Sensibilität zu vermitteln.


Kooperation | Impulstanz – Vienna International Dancefestival 2021

ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival 2021 zu Gast im Leopold Museum

Neues Jahr… neues Glück! Nach der äußerst schmerzlichen Teilabsage des Festivals 2020 freuen wir uns umso mehr, dass wir 2021 von 15. Juli bis 15. August wieder im Leopold Museum zu Gast sein werden. Die bereits zum vierten Mal stattfindende Kooperation bedeutet nicht nur die Öffnung eines besonderen Ortes für den zeitgenössischen Tanz, sondern ermöglicht eine transdisziplinäre Wechselwirkung mit dem Feld der bildenden Kunst. So können wir zurückblicken auf bahnbrechende Projekte, wie die von Tino Sehgal kuratierte Reihe visual arts × dance mit Lectures und Workshops von und mit Dorothea von Hantelmann, Thomas Oberender und Hans Ulrich Obrist sowie Performance-Programme mit u. a. Berlinde De Bruyckere, Romeu Runa, Trajall Harrell, Florentina Holzinger, François Chaignaud, Steven Cohen, Liquid Loft, Boris Charmatz und vielen mehr.

Emmilou Rößling, FLUFF © © Johanna Malm

Im Sommer 2021 dürfen sich das ImPulsTanz-Publikum sowie die BesucherInnen des Leopold Museum unter anderem auf eine Werkschau der südkoreanischen bildenden Künstlerin, Performerin und Tänzerin Geumhyung Jeong freuen. Erstmals in dieser Dichte sind fünf ihrer international begeistert aufgenommenen Arbeiten zu sehen.

Dem Wiener Publikum wird ihre 2014 im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers’ Serie gezeigte hochkomische Lecture-Performance Oil Pressure Vibrator über ihre Affäre mit einem (ech- ten) Bagger als Objekt der Begierde in faszinierter Erinnerung geblieben sein. Seither hat die Karriere der Südkoreanerin enorm Fahrt aufgenommen – mit preisgekrönten Schauen von Seoul bis New York. Im Leopold Museum sind heuer mit Homemade RC Toy, Rehab Training und Spa & Beauty über drei Wochen lang Ausstellungen inklusive Performances zu sehen. Dabei geht es ihr um die Beziehungen zwischen dem menschlichen Körper und den Dingen, die ihn umgeben.

Darüber hinaus begibt sich Ruth Childs mit Museum Piece auf die Spuren ihrer berühmten Tante Lucinda, die mit ihren postmodernen Choreografien die Tanzgeschichte seit den 1970er Jahren wesentlich prägt. Zudem werden Arbeiten von Emmilou Rößling im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers’ Series und von der preisgekrönten Schweizer Choreografin Anna Huber zu erleben sein.

Wir arbeiten tatkräftig an unserem Programm, welches sich noch verdichten und von uns in seiner ganzen Fülle im Juni präsentiert wird.

Auf eine weiterhin so gute und erfolgreiche Zusammenarbeit, Karl Regensburger & das ImPulsTanz-Team


Die Sammlung Schedlmayer | Eine Entdeckung

Das Leopold Museum präsentiert erstmals die der breiteren Öffentlichkeit – bis auf die Prutscher Sammlungsbestände – weitgehend noch unbekannte Sammlung Schedlmayer. Das österreichische Sammlerpaar Hermi (1941–2018) und Fritz Schedlmayer (1939–2013) trug eine hochkarätige Kollektion an kunstgewerblichen Gegenständen und bildender Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammen.

Franz Wiegele, Justa (Studie zu Akte im Wald), um 1910 © Sammlung Fritz und Hermi Schedlmayer, Foto: Erich Hussmann, image industries

Begonnen hat ihre Leidenschaft 1989, als das Ehepaar nach einigen beruflich bedingten Jah- ren im Ausland nach Österreich zurückkehrte und die Villa Rothberger in Baden bei Wien erwarb. Hermi und Fritz Schedlmayer waren sofort fasziniert von den harmonischen Pro- portionen und der wohldurchdachten Funktionalität des Hauses, das 1912 vom Architekten Otto Prutscher maßgeblich umgebaut und eingerichtet worden war. Von diesem Zeitpunkt an widmete sich das Ehepaar nebenberuflich einer tiefgreifenden Recherche über das Haus und den damals vergleichsweise noch wenig beachteten Architekten und Designer.

Als Hermi und Fritz Schedlmayer knapp zehn Jahre später eine Einzelausstellung Prutschers besichtigten, setzte ihre intensive Sammlertätigkeit ein, die fast zwei Jahrzehnte dau- ern sollte. Das Ehepaar erwarb kontinuierlich zahlreiche Werke von Prutscher und seinem Umfeld bei Antiquitätenhändlern und auf Auktionen. Die Villa, in der das Paar wohnte, be- herbergte bald eine umfangreiche Sammlung an Objekten der Wiener Werkstätte.

Neben Gegenständen und Entwürfen Prutschers rundeten auch Werke von Koloman Moser, Adolf Loos und Josef Hoffmann die Sammlung ab. Die Inneneinrichtung der Villa – von den Möbel- stücken bis zu den kleinsten Gebrauchsgegenständen – steht in stimmungsvollem Einklang mit der Architektur, wodurch das gesamte Ambiente wie kaum ein anderes die gediegene Wohnkultur des frühen 20. Jahrhunderts erlebbar macht.

Ein weiteres Augenmerk galt der bildenden Kunst. So befinden sich in der Sammlung Schedlmayer herausragende Gemälde von VertreterInnen der österreichischen Moderne wie Broncia Koller-Pinell, Jean Egger, Franz Wiegele oder Anton Faistauer. Neben diesen fan- den mit Werken von Karl Hofer, Max Pechstein, Christian Rohlfs oder Ernst Ludwig Kirchner auch wichtige Vertreter des deutschen Expressionismus Eingang in die Kollektion.


Ludwig Wittgenstein | Fotografie als analytische Praxis

Mit Ludwig Wittgenstein (1889–1951) umkreist die Ausstellung einen der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, dessen Wurzeln in einer großbürgerlichen Familie lagen, die maßgeblich zur Entwicklung und Förderung der Wiener Moderne beigetragen hat. Doch nicht seine bahnbrechenden philosophischen Schriften oder deren Strahlkraft auf die bil- dende Kunst stehen im Mittelpunkt, sondern der Fotograf Wittgenstein – der Autor, Samm- ler und Arrangeur von Fotografien. Damit liegt der Fokus auf einem bisher kaum beachteten Nebenschauplatz, der hier erstmals im Detail und mit einem weit gefassten Begriff des Fotografischen analysiert wird.

Christian Boltanski, Album de Photo de la Famille D. (Detail), 1971 © MUSEUM MMK FÜR MODERNE KUNST, Frankfurt am Main, Foto: Axel Schneider © Bildrecht Wien, 2021

Die Ausstellung inkludiert neben dem bisher unpublizierten Fotoalbum aus den 1930er- Jahren, dem berühmten Kompositporträt seiner Schwestern und ihm selbst, den Auto- matenfotos und anderen inszenierten Selbstporträts sowie den Aufnahmen des gemein- sam mit Paul Engelmann entworfenen Hauses für Margarethe Stonborough-Wittgenstein auch Auszüge aus der Nonsense Collection und eine repräsentative Auswahl seiner Ansichtskartenkorrespondenz mit Familie und Freunden, die eine die Bildebene dieses Mediums immer mitreflektierende Praxis des Kommunizierens offenbart. Vor dem Hinter- grund seiner Überlegungen zur Fotografie, die bis zum Vorhaben reichen, einen „Laokoon für Fotografen“ zu schreiben, lädt dieser quantitativ überschaubare Materialbestand dazu ein, Wittgensteins Verständnis und Verwendung des Mediums für eine zeitgenössische Re-Vision fruchtbar zu machen.

Die Ausstellung setzt Wittgensteins Fotografien mit der fotografischen Praxis und Theorie zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler wie John Baldessari, Gottfried Bechtold, Anna und Bernhard Blume, Christian Boltanski, Hanne Darboven, Günther Förg, Nan Goldin, Birgit Jürgenssen, Inés Lombardi, Dóra Maurer, Sigmar Polke, Thomas Ruff, Cindy Sherman, Katharina Sieverding, Margherita Spiluttini, Andy Warhol, Peter Weibel, Heimo Zobernig u. a. in Dialog. Bei den ausgewählten Arbeiten handelt es sich jedoch nie um Bezugnahmen auf Wittgensteins fotografische Praxis, die weitgehend unbekannt war, vielmehr werden durch die Etablierung von motivisch wie thematisch gefassten Resonanzräumen strukturelle Analogien offengelegt, die das fotografische Œuvre Wittgensteins in seinem analytischen Charakter beleuchten und damit den Blick auf die zeitgenössischen Kunstwerke schärfen.

In einem parallel geführten Erzählstrang werden Ludwig Wittgensteins Familie und die dort stark verankerte, auch experimentelle Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie in Form einer historisch-biografischen Rückblende vorgestellt.


Kubin auf der Couch | Bekenntnisse einer gequälten Seele

Die Kunst des großen Zeichners, Illustrators und Verfassers des Romans Die andere Seite, Alfred Kubin, scheint aktueller denn je zu sein: Gewalt, kriegerische Zerstörung, Seuchen, Naturkatastrophen, Manipulation der Massen und andere Abgründe des menschlichen Seins prägten seine stark erzählerisch orientierten Arbeiten. Das Werk dieses fantastischen Schöpfers konfrontiert uns mit pessimistischen Visionen, die – frei nach Schopenhauer – die schlechteste aller denkbaren Welten skizzieren.

Kindheit und Jugend Kubins sind von Scheitern und Depression gekennzeichnet: Entlassung aus dem Gymnasium, Abbruch der Fotografenlehre, früher Verlust der Mutter, ein Selbst- mordversuch an ihrem Grab, eine Nervenkrise nach kurzer Militärzeit und weitere Schick- salsschläge charakterisieren seinen traumatischen Werdegang. Der Ausweg für Kubin war die Übersiedlung nach München im Jahr 1898, wo er ein Kunststudium aufnahm.

Alfred Kubin, Ins Unbekannte, 1900/01 © Leopold Museum, Wien, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © Eberhard Spangenberg/Bildrecht, Wien, 2021

Sein erster Besuch in der Alten Pinakothek hinterließ ihn „aufgelöst vor Seligkeit und Erstau- nen“. Die Betrachtung von Max Klingers Radierungen beschrieb er als „Sturz von Visionen schwarz-weißer Bilder“. In der Folge lernte er, wie seine biografischen Notizen vermerken, „das gesamte zeichnerische Werk von Klinger, Goya, de Groux, Rops, Munch, Ensor, Redon und ähnlicher Künstler kennen.“ Eine vergleichbare „staunende Ekstase“ (Kubin) erlebte er 1904 bei einem Besuch im Wiener Kunsthistorischen Museum vor den Bildern Brueghels d. Ä. Auch die Werke von Hans Baldung und Hieronymus Bosch waren für ihn bedeutsame Inspirationsquellen.

Aus dieser Vielfalt von Impressionen und künstlerischen Positionen, vor allem aber aus den eigenen Erfahrungs- und Empfindungswelten und seiner überbordenden Einbildungskraft schuf Kubin ein unvergleichliches, ein geheimnisvoll-fantastisches Werk. In einer Rede zu seiner Berliner Ausstellung 1926 bekannte er sich zu diesem intimen Urgrund seiner unheimlichen Bildschöpfungen: „Doch […] handelt es sich [bei] mir lediglich darum, rein innerlich geschaute Formen, Gestalten und Geschehnisse bildmäßig einzufangen, deren drängende Flut von jeher mein eigentliches Seelenleben ausmachte.“

Die Ausstellung im Leopold Museum unternimmt den erstmaligen Versuch, die Kunst der Kubin’schen Traumwelten, die allzu oft in alpdrückend-düstere Sphären vordringt, auch in ihrem Bezug zum Unbewussten, zu den Tiefendimensionen des Psychischen zu erfassen. Der Psychoanalytiker und Psychiater August Ruhs orientiert sich bei diesem Interpretations- vorhaben an Kubin-Werken, die Direktor Hans-Peter Wipplinger nach bestimmten Themen- bereichen ausgewählt hat.

Kubins dystopische Visualisierungen, die den Symbolismus und die fantastische Kunst des 19. Jahrhunderts fortführen und als Wegbereiter des französischen Surrealismus gelten dür- fen, setzen sich aus realer und imaginärer Wirklichkeit zusammen: eine geniale Synthese, in der das Unheimliche der pessimistischen Weltkonstruktionen auch immer wieder mit Humor, Ironie und Übertreibung versehen ist.

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